Warum wir nicht an den Storch glauben sollten

Physische Ordnungssysteme.

© Karin Maria Pfeifer, v.i.r.a.l., 2013/14, Grafiken, Video, Objekte

Donnerstag 19. März, 18:30 Uhr

Künstlerhaus, Erdgeschoß
Karlsplatz 5
1010 Wien

Eröffnungsrede: Lucas Gehrmann

Eine Kooperation mit flat1
in der Reihe “Künstlerhaus divers”

Beteiligte Künstlerinnen:
Karin Frank, Ewa Kaja, Petra Kodym, Hannah Luegmeyer, Karin Maria Pfeifer, Eva-Maria Raab, Christiane Spatt, Sula Zimmerberger

Sula Zimmerberger

Rahmenprogramm:
22. März 2015, 16 Uhr – Künstlerinnengespräch
9. April 2015, 19 Uhr – Performance

Ausstellungsdauer:
20. März bis 9. April 2015

Christiane Spatt, aus der Serie “dear darlings”, Objekt (Tierpräparat, Puppenteile) 2014

Zur Ausstellung:

“Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, einen Tornado in Texas auslösen kann.”

“Dieses Phänomen wird als Schmetterlingseffekt bezeichnet und meint gegebenenfalls die erstaunlich große Sensitivität mancher komplexer, nichtlinearer Systeme bezüglich kleiner Abweichungen in ihren Anfangsbedingungen. Schon geringfügig veränderte Details in der ursprünglichen Entstehungshistorie können demzufolge zu einer völlig anderen Entwicklung im langfristigen Verlauf führen.”

“Diese Theorie aus dem Jahr 1963, die dem Meteorologen Edward N. Lorenz zugeschrieben wird, stellt nicht nur für das von ihm analysierte System der Wettererscheinungen einen spannenden Ansatz dar. Das gilt für verschiedenste Systeme, wie etwa auch für soziologische. So beschriebt etwa der Spielfilm „Lola rennt“ unterschiedliche Handlungsalternativen einer Beziehungsgeschichte in Bezug auf kleine zufällige Änderungen in den Anfangsphasen der konfliktträchtigen Verbindung der beiden Protagonisten. Auch reichten eigentlich unscheinbare Details, um gar den Lauf der europäischen Geschichte – ein höchst komplexes System – zu ändern (als der Chauffeur des österreichischen Thronfolgerpaars in Sarajewo im Jahr 1914 falsch abbog und das Auto nur infolge dieses Fahrfehlers in die Schusslinie des Mörders geriet).”

“Dieser Ansatz kann aber auch und vor allem diverse physische Ordnungssystem des menschlichen Körpers beschreiben, begonnen bei seinen mechanisch-funktionalen Organsystemen bis hin zu komplexen körperlichen Abläufen, wie der Immunantwort bzw. den innerzellulären Systemen. Kleinste – dysfunktionale – Abweichungen führen dabei zu fatalen Folgen wie Krankheit, im physischen wie emotionalen Sinn. Spannend wird das Thema wenn scheinbar psychische Ordnungssysteme (also das momentane Empfinden) von physischen (etwa dem Hormonhaushalt) gesteuert werden.”

“Wir werden dabei auch die künstlerische Frage stellen, wie stabil diese Systeme der Ordnung sind, welche Kriterien sie außer den Schmetterlingseffekt noch irritieren können, aber auch wie sich innere und sogenannte äußere Systeme zueinander verhalten. Wir thematisieren was passiert, wenn unterschiedliche Ordnungssysteme aneinandergeraten, sich die Hierarchien – die es vielleicht ohnehin nicht gibt – vermischen. Oder was passiert, wenn Ordnungssysteme nicht mehr flexibel auf Veränderungen rundherum reagieren und in Starrheit erst recht jene Veränderung provozieren, um deren Verhinderung sie eigentlich geschaffen wurden?”

“Denn letztendlich gilt die Theorie des Schmetterlingseffekts im Sinne der Chaostheorie für fast alle Regelkreise die ineinandergreifen und so ein größeres Ganzes determinieren. Gerade politische Ordnungssysteme sind dabei – das zeigen die aktuellen geopolitischen Entwicklungen von der Ukraine bis nach Syrien ganz deutlich – höchst komplexe Regelkreise, die einander bedingen und beeinflussen und deren Funktionieren als eine Grundvoraussetzung moderner Gesellschaften gilt. Kommen sie ins Ungleichgewicht wird nicht weniger als das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes in Frage gestellt.
Karin Maria Pfeifer